Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar - auch Therapeutinnen und Therapeuten?

 Wahrheit, Schmerzen, Therapie

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“

so lautet die wohl bekannteste und meistzitierte Aussage der Lyrikerin Ingeborg Bachmann (1959). Doch auch wenn die Wucht dieser Worte überwältigend scheint, darf gefragt werden, ob der damit signalisierte Anspruch einer Allgemeingültigkeit auch seine Berechtigung hat. Denn gibt es nicht auch Wahrheiten, die den Menschen völlig unzumutbar sind? Deren Unzumutbarkeit darin besteht, dass sie schlimmer als die schlimmsten Wunden schmerzen, oft für ein ganzes Leben lang? Und bei denen alleine die Erinnerung daran schier unerträglich ist?

Mit den Schmerzen durch seelische Verwundungen und deren Behandlung befasst sich nun seit einigen Jahrzehnten sehr intensiv die Psychotraumatologie. Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) stellt heute eines der am besten beforschten psychischen Störungsbilder dar. Und zu ihren wesentlichsten Bestimmungsmerkmalen gehört, dass auch die Erinnerung an das Erlebte mit erheblichen Belastungen verbunden ist und so von den Betroffenen vermieden wird. Doch ausgerechnet die traumafokussierten Methoden der „kognitiven Verhaltenstherapie“ (KVT) und des „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ (EMDR), welche eine erneute und vertiefte Auseinandersetzung mit den so schmerzhaften Erinnerungen erfordern, sollen die am besten wirksamen Behandlungen sein? Das wird durch zahlreiche Forschungsarbeiten nahegelegt, auch von den neuesten und umfangreichsten Metaanalysen (zum Beispiel Kip et al., 2025). Die Überlegenheit dieser Verfahren zeigt sich gerade nach den methodisch hochwertigsten direkten Vergleichen auf zahlreichen geprüften Variablen ohne irgendwelche statistisch signifikanten Nachteile (Klingler, 2026). Die Schmerzen der mit der traumafokussierten Behandlung erfolgenden Auseinandersetzung mit der Wahrheit sind damit wohl durch den erwarteten Nutzen gerechtfertigt. Entsprechend werden die traumafokussierten Behandlungsmethoden auch von der großen Mehrheit der wissenschaftlichen Fachgesellschaften empfohlen, so etwa auch von der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (2026). Doch in der Praxis scheinen die Behandlungserfolge nicht ganz jenen zu entsprechen, welche bei der Anwendung dieser Methoden zu erwarten wären. Nur von etwa 24 Prozent der Hilfesuchenden mit einer PTBS wird die erste Behandlung als nützlich beurteilt (Stein et al., 2020). Es besteht der Verdacht, dass, wie schon 2004 von Becker et al. festgestellt wurde, ausgerechnet die wirkungsvollsten Methoden vermieden werden.

Die Leiden der Behandelten

Die traumafokussierten Behandlungsmethoden KVT und EMDR führen bei ihrer Anwendung zu oft sehr heftigen emotionalen Reaktionen, zu seelischen Schmerzen, welche in ihrer Intensität durchaus jenen beim ursprünglichen Erleben des Traumas ähneln können. Auch wenn das nach klinischen Erfahrungen bei der sogenannten „Prolongierten Exposition” nach Foa et al. (2007) eher häufiger und heftiger auftreten dürfte als beim EMDR, können die Reaktionen auch beim EMDR recht intensiv sein. Entsprechend wird, wie auch von Haugen, Halvorsen et al. (2025) berichtet, nicht selten vertreten, dass die Gefahr einer „Retraumatisierung” bestünde, dass viele Betroffene nicht die Stabilität und die Ressourcen aufwiesen, die diese Behandlung benötige, und dass vor einer Konfrontation eine Phase der Stabilisierung und Unterstützung erforderlich sei. Solche Behauptungen finden allerdings keine Unterstützung hinsichtlich der festzustellenden Abbrecherzahlen, die ja ein Indikator der mit den Behandlungen gegebenen Belastungen sein könnten: Gerade bei den methodisch hochwertigsten Direktvergleichen bestehen hier nur geringfügige Unterschiede ohne statistische Signifikanz (Klingler, 2026).

Auch bei den Betroffenen ist eine Vermeidung der Konfrontation mit dem Erlebten zu erwarten, das hat ja auch als ein Bestimmungsstück der Störung zu gelten. So wurde von einer Teilnehmerin an einer randomisierten Studie geäußert, dass sie froh sei, nicht der Exposition, sondern einem “treatment as usual” zugeordnet worden zu sein (Haugen, Kjelsvik et al., 2025):

 “I’m glad I didn’t get the other one because it sounded scary … It was the exposure part; it sounded really scary” (S. 5).

Die traumafokussierte Arbeit konfrontiert in schmerzhafter Weise damit, was tatsächlich geschehen ist, was auch in allen Details erkannt werden muss, um es wirkungsvoll be- und verarbeiten zu können. Allerdings werden von den Behandelten nicht nur erhebliche Belastungen beschrieben, sondern oft auch eine überraschend schnell eintretende Besserung (Haugen, Kjelsvik et al., 2025):

“The first time was terrible. I’ve never had a conversation before where I had to recount what happened. I got really anxious. I went completely numb. My emotions were all over the place. Eventually, the second time, it was easier to talk about it. Talking about it has worked” (S. 7).

“I found it very uncomfortable to attend those sessions, but I noticed after the first that it helped a lot” (S. 8).

“One would like to avoid thinking about it, that is what is most comfortable … You are forced to confront the event. Make the pieces fall into place, get an overview of what happened, how you feel about it and practice becoming less afraid of it. You should not be afraid of the memory” (S. 7).

Damit scheint es für manche Behandelte wohl ähnlich, wie es der Autor oft erklärt hat: Es ist, wie wenn ein Pfeil, ein Stachel oder ein (schon eiternder) Dorn entfernt werden muss. Oder wie es von einem behandelten Missbrauchsopfer zusammengefasst wurde: 

“It was very painful, but it was necessary” (Haugen, Kjelsvik et al., 2025, S. 8).

Die Konfrontation mit den Wahrheiten der Traumageschädigten muss damit nicht nur als zumutbar, sondern als absolut notwendig erscheinen.

Die Leiden der Therapeutinnen und Therapeuten

Vorbehalte der Therapeutinnen und Therapeuten würden nach einer Überblicksarbeit von Finch et al. (2020) vornehmlich mit einer Inflexibilität von Manualen, Bedenken hinsichtlich der Klientenbelastung, Problemen mit Komorbiditäten und einem Mangel an Training und Unterstützung zu tun haben. Dass Widerstände gegen traumafokussierte Methoden ja auch von den damit erwarteten erhöhten Belastungen für die Therapeutinnen und Therapeuten stammen könnten, fand allerdings weder bei Finch et al. noch bei den nächsten genannten Arbeiten Erwähnung.

Um unbegründete negative Erwartungen und Widerstände zu reduzieren, wurde von van Minnen et al. (2018) ein Rotationsmodell untersucht, bei dem die Expositionssitzungen von wechselnden Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt wurden. Dadurch sollte bei diesen das Gefühl der persönlichen Verantwortung gemindert und eine bessere Protokolltreue und mehr wechselseitiger Austausch und Unterstützung gefördert werden. Tatsächlich ließ sich so eine erhöhte Bereitschaft erzielen, eine Expositionsbehandlung gemäß Protokoll durchzuführen. Auch von der Mehrheit der so Behandelten ist geäußert worden, dass sie eine gute Beziehung zum Behandlungsteam gehabt hätten und ein solches gegenüber nur einer einzelnen Therapeutin oder einem einzelnen Therapeuten bevorzugen würden.

Studien mit rotierenden Therapeutengruppen wurden auch von Lortye et al. (2025), Versluis et al. (2025) und Stotesbury et al. (2026) durchgeführt. Lortye et al. (2025) verglichen Prolongierte Exposition, EMDR und „Imagery Rescripting“ bei PTBS mit Substanzmissbrauch mit jeweils zwei rotierenden Therapeutinnen. Bei Versluis et al. (2025) erfolgte eine EMDR-Behandlung mit einer Rotation der Therapeuten, um eine als erforderlich erachtete Behandlungsintensität von zwei EMDR-Sitzungen täglich zu ermöglichen. Bei Stotesbury et al. (2026) zeigten die Befragungen der Therapeutinnen und Therapeuten, dass auch bei diesen eine Vermeidung von belastenden Vorstellungen wirksam werden kann:

„We protect ourselves from that mental image of what it might have been like to be abused by a mother or father. No one wants to imagine that“ (Stotesbury et al., 2026, S. 6).

Und solche Selbstschutztendenzen scheinen nicht ganz unberechtigt. Denn auch für Therapeutinnen und Therapeuten sind oft die Wahrheiten, mit denen sie bei der Behandlung von Traumatisierten konfrontiert werden, nur schwer erträglich. So wird aus der Arbeit mit sexuellen Traumatisierungen berichtet:

“I am shocked and horrified. I feel absolute horror. I mean, I am aware of these things but when [I] hear them firsthand, it is very different ... a good word to describe it is absolute horror at how human beings can hurt other human beings in a way I can never get used to” (Padmanabhanunni & Gqomfa, 2022, S. 5).

In entsprechenden Befragungen (z. B. Sui & Padmanabhanunni, 2016; Padmanabhanunni & Gqomfa, 2022) werden zahlreiche Belastungsfolgen berichtet. Diese wurden zum Teil als einander überlappende Phänomene einer sekundären und einer stellvertretenden Traumatisierung, einer „Compassion Fatigue“ und eines Burnouts beschrieben, mit Symptomen einer PTBS, von Erschöpfung, Zynismus, Reizbarkeit und Gefühlen der Hoffnungslosigkeit (McNeillie & Rose, 2021; Down & Bacon, 2026). Hinsichtlich der Vulnerabilität spielen dabei wohl auch frühere Traumatisierungen eine Rolle (Henderson et al., 2025).

Von manchen Therapeutinnen und Therapeuten wird allerdings erkannt, welche Folgen deren eigene Angst und Vermeidung für die Behandelten haben können (nach Stotesbury et al., 2026, S. 7):

“Therapist 1: The last thing you need is someone that’s scared around you. Who’s insecure and withdrawn and leaves you alone, ‘you’ll have to wait a bit and then we’ll see, and then maybe I can’.

Therapist 2: ‘You have to stabilise yourself a bit first’.

Therapist 1: ‘That’s offering the person loneliness. I don’t want to do that’“.

Mit der traumafokussierten Arbeit kommt man auch den Wahrheiten der Geschädigten sehr viel näher, was auch von jenen Therapeutinnen, die im Rahmen eines randomisierten Vergleiches statt eines „treatments as usual“ eine Prolongierte Exposition neu anzuwenden hatten, bestätigt wurde (Haugen, Halvorsen et al., 2025):

“It’s a bit strange that you can come to a sexual assault center and talk about anything other than the sexual assault itself“ (S. 5).

„We go more into the trauma itself, which we have not done before … We’ve beaten around the bush, about what their network is like, whether they struggle with sleep, or have problems eating … Now we talk about what actually happened“ (S. 5).

Und schließlich kann die Befassung mit den Traumainhalten und deren Bewältigung durch die von ihnen Behandelnden auch für die Therapeutinnen und Therapeuten überaus belohnend sein. Von Therapeutinnen wurde berichtet:

“As you go alone, you grow, and you change constantly ... working with clients changes your worldviews ... I learnt about how the most broken had the greatest capacity to give and to feel and to share and ... I’ve come to realise that there is always hope, no matter how difficult things may seem ... I sometimes do lose hope but only for brief moments and then I look at the things that are working for me rather than what’s not working“ (Sui & Padmanabhanunni, 2016, S. 131).

“People come with their trauma, but they bring something else that makes the trauma bearable for the listener. They bear this burden; you share in that load. It’s not just left with you. It’s the sharing of this load ... they give you some of how they managed to hold the [trauma], they give you some of that” … “What helps me cope is just to say that ‘what I am doing, is healing’. It is not a mere opening of wounds that are going to be left to fester, but it’s a healing conversation, so my role is to help facilitate healing” (Padmanabhanunni & Gqomfa, 2022, S. 7).

Schön für die Therapeutinnen, auch erfahren zu können, dass die verwendeten Methoden nicht nur belastend, sondern auch hilfreich sind und bei ihnen selbst wie bei ihren Behandelten zu einem (posttraumatischen) Wachstum führen können. Aber abgesehen davon ist es alleine die belegte Überlegenheit der traumafokussierten Methoden, welche es für Traumatherapeutinnen und -therapeuten nicht nur zumutbar, sondern auch zu einem absoluten Erfordernis macht, sich mit aller notwendigen Intensität auch mit den erschreckenden Realitäten der Hilfesuchenden auseinanderzusetzen.

Persönliches

Auch wenn es dem Autor bewusst ist, dass wir es letztlich immer mit subjektiven Wahrheiten zu tun haben, erscheint ihm unumgänglich, sich stets darum zu bemühen, sich einer Realität anzunähern, welche in keinem Widerspruch zu unseren eigenen und den Wahrnehmungen anderer steht. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich auch sein Eintreten für kritisch geprüfte evidenzbasierte Methoden, im Rahmen der Psychotraumatologie für die sogenannten traumafokussierten Verfahren. An diesen ist allerdings nicht nur attraktiv, dass sie nach der vorhandenen Evidenz als die wirksamsten Methoden einzustufen wären, sondern auch, dass es gerade diese sind, welche sich am konsequentesten um die Klärung und Aufarbeitung von Wahrheiten bemühen, um eine Fortbewegung von den subjektiven Wahrheiten zu solchen, die auch von anderen und allgemeiner geteilt werden können. Und diese haben ja nicht nur eine erschreckende, grauenvolle Seite, sondern als „die ganze Wahrheit“ immer auch eine - so ja auch der Sinn des sogenannten kognitiven Arbeitens - welche Hoffnungen und Zuversicht gibt. Dass hier die Wahrheitssuche und ein anhaltender Behandlungserfolg Hand in Hand gehen, kann nur als logische Folge angesehen werden.

Auf dieser Grundlage wurde in der Praxis des Autors vornehmlich mit evidenzbasierten Methoden gearbeitet, konkreter mit der Methode der Narrativen Exposition (Neuner et al., 2009) und bei besonders schwierigen Stationen („stuck points“) und anhaltenden Belastungen vertieft und intensiviert mit Prolongierter Exposition (Foa et al., 2007), Kognitiver Therapie (Ehlers et al., 2005) oder EMDR (Shapiro, 1999), dies zumeist auch in der hier angegebenen Reihenfolge. Dabei wurde auf Wiederholungen und Details Wert gelegt, weil gerade damit vieles noch deutlicher wird. Nichts sollte weiter quälen können, bloß weil man es nicht oder nur zu wenig erzählen konnte.

Dazu muss eingeräumt werden, dass die vorgesehenen traumafokussierten Behandlungen tatsächlich nicht immer erfolgreich realisiert werden konnten. Denn das Leiden der Behandelten im Zuge der Konfrontation und deren damit gegebenen Vermeidungstendenzen können auch dazu führen, dass die Traumafokussierung in der Behandlung verwässert oder schließlich ganz aufgegeben wird. Möglicherweise ist das nicht selten von den Betroffenen vorgebrachte Bestehen von ganz aktuellen „dringlich“ zu behandelnden Problemen auch als ein Ausdruck des Wunsches zu verstehen, die schmerzhafte Konfrontation mit dem Trauma zu vermeiden. Mit dem Verzicht auf eine Traumabearbeitung und einem Wechsel zu einer gegenwartsfokussierten unterstützenden Behandlung erfolgt dann aber auch oft ein Wechsel von einer Therapie zu einer weniger aussichtsreichen reinen „Betreuung“. Solches, was gelegentlich auch in der Praxis des Autors „passiert“ ist, könnte natürlich im Rahmen einer Teamarbeit eher verhindert werden. Nicht selten stellt sich jedoch in der Praxis die schwierige Frage, ob man im Sinne der wirkungsvollsten Methoden einen Behandlungsabbruch riskieren soll.

Eine Angst des Therapeuten vor den zunächst abscheulichen Realitäten der Hilfesuchenden wurde weitestgehend aufgehoben durch therapeutischen Optimismus und den Wunsch, die Welt, die Situation und das Leben des Betroffenen zu verstehen. Aus diesem Grund hätte auch eine Arbeit innerhalb eines rotierenden Teams nur sehr schwer akzeptiert werden können. Eine solche hätte zu viele Abstriche von einem selbst geforderten möglichst tiefen und genauen Verständnis der Problemsituation verlangt.

Die Arbeit zur Auffindung und Klärung subjektiver und objektiver Wahrheiten erschien mit den Jahren immer notwendiger und attraktiver. Das wurde gefördert im Rahmen eines Weltgeschehens, in dem Wahrheiten immer mehr verleugnet, verdreht und niedergeknüppelt werden und Lügen ein immer attraktiveres Geschäftsmodell. Hier hat das Wissen, dass die Erkenntnis von Wahrheiten und die Auseinandersetzung damit zwar schmerzhaft, aber auch nachhaltig heilsam sein können, etwas sehr Tröstliches.

Belastungen der eigenen Person waren natürlich gegeben, so auch Gelegenheiten, bei denen mit Behandelten geweint wurde (manchmal natürlich auch gelacht) oder ein Problem Schlafstörungen bereitet hatte. Solche Belastungsfolgen wurden allerdings als normale Berufsbelastungen akzeptiert - so wie ja auch etwa der Schweiß und die Rückenschmerzen von mehr physisch geforderten Wege- und Brückenbauern in Kauf genommen werden müssen. Die beim Autor gegebenen Belastungszeichen waren aber kaum als PTBS-Symptome interpretierbar.

Für die Bewältigung der Belastungen war sicherlich erleichternd, dass nicht primär Traumaopfer zu behandeln waren, sondern auch andere Angststörungen, Depression, Burnout, Beziehungsprobleme (neben einer gutachterlichen Tätigkeit). Ausschließlich schwere Traumafolgen zu behandeln, hätte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Überforderung dargestellt.

Viel Kraft wurde aus Kontakten, Bewegung und der Natur bezogen, vor allem aber aus der Fokussierung auf das, was eigentlicher Sinn und Rechtfertigung der Arbeit ist: die damit mögliche Linderung von Leidenszuständen und die Förderung von Wachstum und neuer Lebensfreude.

Diskussion

Unzumutbar scheinen die Schmerzen, die manche seelische Verwundungen bereiten und ein ganzes Leben zerstören können. Obwohl in unterschiedlichen Ausformungen seit der Antike bekannt, wurde die posttraumatische Belastungsstörung in der Geschichte der Psychiatrie erst relativ spät als eine eigenständige psychische Störung beschrieben und akzeptiert (vergleiche Klingler, 2025). Und obgleich sie heute als eines der am besten beforschten und psychotherapeutisch am besten behandelbaren Störungsbilder gelten kann, müssen die Behandlungserfolge in der Praxis als recht dürftig beurteilt werden (Stein et al., 2020). Denn ausgerechnet die am besten wirksamen Methoden, die traumafokussierten Methoden der KVT und das EMDR, scheinen von den Betroffenen und deren Therapeutinnen und Therapeuten gemieden zu werden. Denn den Traumatisierten scheint nichts schrecklicher als ihre Erinnerungen, deren Vermeidung ja auch einen bestimmenden Bestandteil der zu behandelnden Störung darstellt. Und von den psychotraumatologisch tätigen Therapeutinnen und Therapeuten wird ein durch die Konfrontation mit den Traumainhalten nicht seltenes Auftreten anhaltender Beeinträchtigungen berichtet (McNeillie & Rose, 2021; Down & Bacon, 2026).

Aber mit einer Vermeidung des Blicks auf die Realitäten wird auch jeder Zugang zu diesen versperrt. Es wird verhindert, dass die Betroffenen im Sinne einer „Testimony-Therapie“ (dazu Neuner et al., 2001) ein genaues Zeugnis des Erlebten abgeben können, eines, das ihnen selbst, der Therapeutin oder dem Therapeuten und eventuell auch anderen ein Verständnis des Geschehenen ermöglicht. Weitere Schäden könnten damit wohl eher verhindert werden als durch Versuche eines Vergessens, Verdrängens oder Umschreibens der Geschichte. Und um der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, sollte man sich auch die Details ansehen. Und keinesfalls darf auf „die ganze Wahrheit“ vergessen werden - die Fähigkeiten und die Möglichkeiten der Betroffenen, und dass das Erlebte vielleicht nicht nur Erschreckendes beinhaltet.

Doch traumafokussierte Methoden werden von Therapeutinnen und Therapeuten häufig abgelehnt, vor allem mit der Begründung, dass diese für die Betroffenen zu belastend wären. Das entspricht allerdings weder den Ergebnissen der Forschung (vergleiche Klingler, 2026) noch den Aussagen der Behandelten (Haugen, Kjelsvik et al., 2025). Die nach diesen Methoden vorgesehene Konfrontation mit der Wahrheit ist den Betroffenen nicht nur zumutbar, sondern auch ein unabdingbares Erfordernis für deren Verarbeitung und Bewältigung.

Einzuräumen wäre diesbezüglich allerdings, dass Betroffene oft sehr schwer für eine traumafokussierte Arbeit beziehungsweise für deren Weiterführung zu motivieren sind. Dem sollte auch in der Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten Rechnung getragen werden.

Nicht verschwiegen darf weiters werden, dass die traumafokussierte Arbeit auch für Therapeutinnen und Therapeuten sehr belastend sein und unter Umständen zu anhaltenden Beeinträchtigungen führen kann. Fraglich, ob diesbezüglich ein Rotationsmodell von Nutzen sein könnte, bei dem die Expositionssitzungen von wechselnden Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt werden (van Minnen et al., 2018). Damit könnte wohl das Gefühl der persönlichen Verantwortung gemindert und eine bessere Protokolltreue und mehr wechselseitiger Austausch und Unterstützung gefördert werden. Ungewiss aber, ob weniger persönliche Verantwortung und eine vielleicht rigide Protokolltreue tatsächlich immer Vorteile darstellen. Mit der geteilten Arbeit und Verantwortung könnte außerdem ein Informations- und Vertrauensverlust verbunden sein. Diesbezüglich scheinen somit noch eingehendere Untersuchungen erforderlich.

Höchst wahrscheinlich eine Überforderung würde bedeuten, wenn Therapeutinnen und Therapeuten - etwa in spezialisierten Institutionen - ausschließlich mit Traumatherapie befasst werden. Das wäre zu vermeiden. Es scheint wegen der großen Gefahr von Ermüdung, Abstumpfung und anderen Folgeschäden weder den Therapeutinnen und Therapeuten noch den von ihnen Behandelten zumutbar.

Grundsätzlich muss jedoch für alle Therapeutinnen und Therapeuten, die sich Traumatherapeuten nennen und auf eine entsprechende Ausbildung verweisen, eine Verpflichtung gesehen werden, sich um eine bestmögliche Traumatherapie, also mit Anwendung von traumafokussierter KVT oder EMDR, zu bemühen, auch mit einer entsprechenden Motivation der Hilfesuchenden. Eine solche Behandlung mag für die Therapeutinnen und Therapeuten wohl auch emotional belastend sein, was aber bei entsprechender Ausbildung kein Grund sein dürfte, darauf zu verzichten. Mit ausreichender Selbstfürsorge und der Vermeidung einer zu einseitigen Belastung sollten das Erforderliche ausreichend zu bewältigen sein.

Zusammenfassend ergibt sich nun die willkommene Gelegenheit, an große Worte von Ingeborg Bachmann zu erinnern. Denn zu den Wahrheiten der von einem Trauma Betroffenen und deren Therapeutinnen und Therapeuten kann kaum Treffenderes gesagt werden als von ihr gegenüber Kriegsblinden und zu den Aufgaben des Schriftstellers geäußert wurde (Reihenfolge hier geändert):

„Wer, wenn nicht diejenigen unter Ihnen, die ein schweres Los getroffen hat, könnte besser bezeugen, daß unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück, daß man, um vieles beraubt, sich zu erheben weiß, daß man enttäuscht, und das heißt, ohne Täuschung, zu leben vermag. Ich glaube, daß dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist — der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen“.

„So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil, wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen“.

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“ (Bachmann, 1959).

Zusammenfassung

In der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung und anderer Traumafolgestörungen zeigen sich bei Anwendung der traumafokussierten Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und des Eye Movement Desensitization and Reprocessing günstigere Ergebnisse als bei Anwendung von anderen Behandlungsverfahren.

Die bei der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung und anderer Traumafolgestörungen mit traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie oder Eye Movement Desensitization and Reprocessing gegebene schmerzhafte und belastende Konfrontation mit ihren Erinnerungen ist den zu Behandelnden wegen der damit gegebenen verbesserten Heilungsaussichten zumutbar.

Nicht zumutbar ist den mit einer posttraumatischen Belastungsstörung oder anderen Traumafolgestörungen Betroffenen eine Behandlung mit einer anderen Methode als mit traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie oder Eye Movement Desensitization and Reprocessing, es sei denn, dass eine solche Behandlung trotz eingehender Aufklärung entschieden abgelehnt wird.

Ausgebildeten und zertifizierten Traumatherapeutinnen und -therapeuten ist zumutbar, sich um eine für eine praktische Anwendung ausreichende Ausbildung in traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie und/oder in Eye Movement Desensitization and Reprocessing zu bemühen, ebenso wie um eine für eine solche Behandlung ausreichende Motivation von Hilfesuchenden.

Ausgebildeten und zertifizierten Traumatherapeutinnen und -therapeuten ist zumutbar, sich um eine für die wiederholte Durchführung von traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie und/oder Eye Movement Desensitization and Reprocessing ausreichende Psychohygiene, Selbstfürsorge und Belastbarkeit zu bemühen.

Die Träger des Gesundheitswesens und von Behandlungseinrichtungen haben für geeignete Rahmenbedingungen für eine wirkungsvolle und nachhaltige evidenzbasierte Behandlung von Traumafolgestörungen zu sorgen.

Summary

In the treatment of post-traumatic stress disorder and other trauma-related disorders, trauma-focused methods of cognitive behavioral therapy and eye movement desensitization and reprocessing show more favorable results than other treatment approaches. 

The painful and distressing confrontation with memories inherent in the treatment of post-traumatic stress disorder and other trauma-related disorders with trauma-focused cognitive behavioral therapy and eye movement desensitization and reprocessing is acceptable to patients due to the improved prospects for recovery. 

Treatment with any method other than trauma-focused cognitive behavioral therapy and eye movement desensitization and reprocessing is not acceptable to patients with post-traumatic stress disorder or other trauma-related disorders unless such treatment is explicitly refused despite thorough explanation. 

Trained and certified trauma therapists are expected to strive to obtain sufficient training in trauma-focused cognitive behavioral therapy and/or eye movement desensitization and reprocessing for practical application, as well as to ensure that those seeking help are sufficiently motivated for such treatment. 

Trained and certified trauma therapists are expected to maintain sufficient mental health, self-care, and resilience to allow for the repeated administration of trauma-focused cognitive behavioral therapy and/or eye movement desensitization and reprocessing. 

Healthcare providers and treatment facilities are responsible for ensuring suitable conditions for effective and sustainable evidence-based treatment of trauma-related disorders.

Literatur

Bachmann, I. (1959). Dankrede bei der Entgegennahme des “Hörspielpreises der Kriegsblinden” am 17. März 1959 im Bundeshaus in Bonn. https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr/retro-kultur-in-nrw/ingeborg-bachmann-erhaelt--den-hoerspielpreis-der-kriegsblinden-100.html.

Becker, C. B., Zayfert, C., & Anderson, E. (2004). A survey of psychologists’ attitudes towards and utilization of exposure therapy for PTSD. Behaviour research and therapy, 42(3), 277–292. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(03)00138-4.

Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (2026). S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Version 7.0, 27.02.2026. https://register.awmf.org/assets/guidelines/155-001l_S3_Posttraumatische-Belastungsstoerung_2026-05.pdf.

Down, D. & Bacon, A. M. (2026). Vicarious Trauma: The Psychological Impact on Counsellors and Psychotherapists Working With Survivors of Sexual Abuse. Counselling and psychotherapy research, 26(3): e70183. https://doi.org/10.1002/capr.70183.

Ehlers, A., Clark, D. M., Hackmann, A., McManus, F. & Fennell, M. (2005). Cognitive therapy for post-traumatic stress disorder: development and evaluation. Behaviour research and therapy, 43(4), 413–431. https://doi.org/10.1016/j.brat.2004.03.006.

Finch, J., Ford, C., Grainger, L., & Meiser-Stedman, R. (2020). A systematic review of the clinician related barriers and facilitators to the use of evidence-informed interventions for post traumatic stress. Journal of affective disorders, 263, 175–186. https://doi.org/10.1016/j.jad.2019.11.143.

Foa, E. B., Hembree, E. A. & Rothbaum, B. A. (2007). Prolonged Exposure Therapy for PTSD. Oxford: University Press. https://archive.org/details/prolongedexposur0000foae/mode/2up.

Haugen, T., Halvorsen, J. Ø., Friborg, O., Schei, B., Hagemann, C. T., & Kjelsvik, M. (2025). Therapists perspectives on the Early Intervention after Rape study: a qualitative process evaluation of a randomized controlled trial. European journal of psychotraumatology, 16(1), 2524892. https://doi.org/10.1080/20008066.2025.2524892.

Haugen, T., Kjelsvik, M., Friborg, O., Schei, B., Hagemann, C. T., & Halvorsen, J. Ø. (2025). Painful, but necessary: a qualitative process evaluation on patient experiences with modified prolonged exposure as early intervention after rape (the EIR study). European journal of psychotraumatology, 16(1), 2524892. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/20008066.2024.2443279.

Henderson, A., Jewell, T., Huang, X., & Simpson, A. (2025). Personal trauma history and secondary traumatic stress in mental health professionals: A systematic review. Journal of psychiatric and mental health nursing, 32(1), 13–30. https://doi.org/10.1111/jpm.13082.

Kip, A., Ritter, L., Hoppen, T. H., Papola, D., Ostuzzi, G., Barbui, C., & Morina, N. (2025). Psychological interventions for adult posttraumatic stress disorder: A systematic review of published meta-analyses. Journal of anxiety disorders, 112, 103017. https://doi.org/10.1016/j.janxdis.2025.103017.

Klingler, O. J. (2025). Seelische Verwundungen - Die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung und anderer Traumafolgestörungen, Behandlungsmethoden im Vergleich, Review und Metaanalysen. Norderstedt: Books on Demand. https://buchshop.bod.de/seelische-verwundungen-die-posttraumatische-belastungsstoerung-und-andere-traumafolgestoerungen-die-wirksamkeit-psychotherapeutischer-m-9783819278655.

Klingler, O. J. (2026). Posttraumatische Belastungsstörung und andere Traumafolgestörungen: Behandlungsmethoden im Vergleich, Update 2026. https://oswaldklingler.blogspot.com/2026/04/posttraumatische-belastungsstorung-und.html.

Lortye, S., Will, J. P., Marquenie, L. A., Lommerse, N. M., Faber, N., Goudriaan, A. E., Arntz, A., & de Waal, M. M. (2025). Effectiveness of treating post-traumatic stress disorder in patients with co-occurring substance use disorder with prolonged exposure, eye movement desensitization and reprocessing or imagery rescripting: A randomized controlled trial. Addiction (Abingdon, England), 120(11), 2231–2244. https://doi.org/10.1111/add.70097.

McNeillie, N. & Rose, J. (2021). Vicarious trauma in therapists: a meta-ethnographic review. Behavioural and cognitive psychotherapy;49(4):426-440. doi:10.1017/S1352465820000776.

Neuner, F., Schauer, M. & Elbert, T. (2001). Testimony-Therapie als Psychotherapie für Überlebende politischer Gewalt. Zeitschrift für Politische Psychologie, 9(1), 585-600. https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/e88ea698-4e57-4b90-81d0-9543365152c4/content.

Neuner, F., Schauer, M. & Elbert, T. (2009). Narrative Exposition und andere narrative Verfahren, 3. Aufl. Heidelberg: Springer.

Padmanabhanunni, A. & Gqomfa, N. (2022). “The Ugliness of It Seeps into Me”: Experiences of Vicarious Trauma among Female Psychologists Treating Survivors of Sexual Assault. International journal of environmental research and public health,19, 3925. https://doi.org/10.3390/ijerph19073925.

Shapiro, F. (1999). EMDR. Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Paderborn: Junfermann.

Stein, D. J., Harris, M. G., Vigo, D. V., Tat Chiu, W., Sampson, N., Alonso, J., Altwaijri, Y., Bunting, B., Caldas-de-Almeida, J. M., Cía, A., Ciutan, M., Degenhardt, L., Gureje, O., Karam, A., Karam, E. G., Lee, S., Medina-Mora, M. E., Mneimneh, Z., Navarro-Mateu, F., Posada-Villa, J., Rapsey, C., Torres, Y., Viana, M. C., Ziv, Y., Kessler, R. C. & WHO World Mental Health Survey Collaborators (2020). Perceived helpfulness of treatment for posttraumatic stress disorder: Findings from the World Mental Health Surveys. Depression and anxiety, 37(10), 972–994. https://doi.org/10.1002/da.23076.

Stotesbury, K., Danielsen, H. E., Thorsen, A. L., Ness, O. & Veseth, M. (2026). Confronting trauma as a team: therapists’ experience with providing intensive trauma-focused treatment, within a framework of therapist rotation. BMC health services research, 26(1), 744. https://doi.org/10.1186/s12913-026-14497-z.

Sui, X.-C., & Padmanabhanunni, A. (2016). Vicarious trauma: The psychological impact of working with survivors of trauma for South African psychologists. Journal of psychology in Africa, 26(2), 127–133. http://dx.doi.org/10.1080/14330237.2016.1163894.

Van Minnen, A., Hendriks, L., Kleine, R., Hendriks, G. J., Verhagen, M., & De Jongh, A. (2018). Therapist rotation: a novel approach for implementation of trauma-focused treatment in post-traumatic stress disorder. European journal of psychotraumatology, 9(1), 1492836. https://doi.org/10.1080/20008198.2018.1492836.

Versluis, A., de Jongh, A., Mevissen, L., Schuengel, C., Bakkum, L., & Didden, R. (2025). Brief intensive EMDR therapy for PTSD in adults with mild intellectual disability or borderline intellectual functioning and behavioural problems: a multiple baseline design study. European journal of psychotraumatology, 16(1), 2495642. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12090259/pdf/ZEPT_16_2495642.pdf.

 

 

Der Autor hat jede Erwerbstätigkeit abgeschlossen und steht für keinerlei zu honorierenden Leistungen zur Verfügung.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik: "Trial and Error" und die Schwächen der Forschung

Die Deutschförderung fremdsprachiger Schulkinder gemäß österreichischem Schulorganisationsgesetz 2026

KI statt Latein und meine Konversation mit Claude