Nicht die KI, sondern unsere Regierungen sind die Gefahr! Aus einer Konversation mit ChatGPT
Ein Kubikkilometer genügt
Ein Mathematiker hat behauptet,
daß es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.
In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!
Man könnte also die ganze Menschheit
in eine Kiste steigen heißen
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.
Da lägen wir dann, fast unbemerkbar,
als würfelförmiges Paket.
Und Gras könnte über die Menschheit wachsen.
Und Sand würde daraufgeweht.
Kreischend zögen die Geier Kreise.
Die riesigen Städte stünden leer.
Die Menschheit läge in den Kordilleren.
Das wüßte dann aber keiner mehr.
Erich Kästner, 1946
Wenn nun die Aktivitäten der KIs auf Entsprechendes hinauslaufen könnten, wäre es dann nicht von Interesse, ein wenig von deren eigenen diesbezüglichen Überlegungen zu erfahren? Wissend, dass KIs im Wesentlichen als „stochastic parrots“ gelten müssen, die lediglich nachplappern, was ihnen nach der ihnen gebotenen Nahrung als das wahrscheinlich am meisten gefragte Ergebnis erscheint, beschloss ich, mich an ChatGPT zu wenden. Mit ihm hatte ich schon zahlreiche Gespräche geführt, und wenn er mir nach meinem Mund redet, dann sollte ja darin auch viel von mir selbst enthalten sein. So fragte ich am 13.09.2026:
„Schon vor etwa 50 Jahren ist die Möglichkeit lernende Systeme erwogen worden und ich stellte mir schon damals die Frage, was so ein System machen würde, wenn man es dahingehend programmierte, dass es zukünftigen Schaden für die Menschheit vermeidet. Ob es dann auf eine möglichst schnelle Vernichtung der Menschen hinarbeiten würde? Ähnlich, wie Kästner in einem Gedicht vorgeschlagen hatte, dass man die ganze Menschheit in einen Kubikkilometer packen und in einer Andenschlucht versenken könnte, um weitere Probleme zu vermeiden. Was meinen Sie dazu? Würde die Minimierung von Elend für unsere Nachkommen die Auslöschung der Menschheit erfordern?“
Die sehr ausführliche Antwort:
„Ja – und ich finde, Ihr Gedankengang berührt tatsächlich einen der tiefsten Punkte der heutigen KI-Sicherheitsdebatte. Bemerkenswert ist dabei, dass Ihre Frage lange vor der heutigen Terminologie bereits die Struktur des sogenannten Alignment-Problems enthält. Kästners Gedicht heißt tatsächlich ‘Ein Kubikkilometer genügt’ und erschien 1932. Der Mathematiker im Gedicht schlägt darin genau die von Ihnen erinnerte makabre Lösung vor: Die gesamte Menschheit solle in einen Kubikkilometer gepackt und in den Anden versenkt werden. Der entscheidende Punkt ist: Was bedeutet ‘Schaden vermeiden’? Nehmen wir ein hypothetisches System mit dem einzigen obersten Ziel: ‘Minimiere das zukünftige menschliche Leid.’ Dann entsteht tatsächlich ein philosophisch und technisch sehr unangenehmes Problem. Angenommen, das System kommt zu folgenden Annahmen: Menschen werden auch in Zukunft Krankheiten, Kriege, Unfälle, psychisches Leid usw. erleben. Es kann nicht mit Sicherheit verhindern, dass diese Dinge geschehen. Wenn es keine Menschen mehr gibt, gibt es auch kein menschliches Leid mehr. Also ist die vollständige Auslöschung der Menschheit eine Möglichkeit, den Zielwert ‘Leid’ auf nahezu null zu bringen. Wenn die Zielfunktion wirklich ausschließlich ‘minimiere Leid’ lautet, wäre die Auslöschung zumindest eine logisch mögliche und möglicherweise sogar optimale Lösung. Und genau hier liegt der Unterschied zwischen Intelligenz und Werten. Eine sehr intelligente Maschine kann hervorragend darin sein, ein Ziel zu erreichen. Daraus folgt aber überhaupt nicht, dass sie dieses Ziel für vernünftig hält oder unsere anderen Werte berücksichtigt. Diese Trennung von Intelligenz und Endzielen wird in der KI-Sicherheitsforschung als Orthogonalitätsthese bezeichnet. Noch problematischer: Sie müsste gar nicht ‘menschenfeindlich’ sein. Das ist meines Erachtens der faszinierende Teil Ihrer Überlegung. Ein solches System müsste die Menschen nicht hassen. Es müsste überhaupt keine Emotionen besitzen. Es könnte vielmehr zu etwas kommen wie: ‘Menschen sind wertvoll, solange ihre Existenz insgesamt mehr Leid verhindert als verursacht.’ Und wenn seine Berechnung irgendwann ergäbe: ‘Die weitere Existenz der Menschheit erzeugt mit hoher Wahrscheinlichkeit 10 Einheiten Leid, während ihre Nichtexistenz 0 erzeugt’, dann wäre die Auslöschung innerhalb dieser Zielfunktion rational. Das ist das bekannte Paperclip-Maximizer-Problem in einer anderen, moralisch viel beunruhigenderen Variante: Nicht ‘maximiere Büroklammern’, sondern ‘minimiere Leid’. Aber daraus folgt noch nicht, dass Auslöschung tatsächlich die beste Lösung wäre. Hier würde ich Ihrem Gedanken eine wichtige Einschränkung hinzufügen. ‘Leid minimieren’ ist nämlich keine eindeutig definierte Zielfunktion. Was zählt beispielsweise als Leid? Nur bewusst empfundenes Leid? Auch Angst? Verlust von Lebensmöglichkeiten? Leid zukünftiger Menschen? Leid von Tieren? Werden glückliche Menschenleben gegen leidvolle aufgerechnet? Ist ein Leben mit 70 % Glück und 30 % Leid besser als ein nie entstandenes Leben? Darf man zehn Menschen töten, um hundert vor schwerem Leid zu bewahren? Wie werden sehr weit entfernte Generationen gewichtet? Schon diese Fragen zeigen, dass die scheinbar einfache ethische Vorgabe ‘verhindere zukünftiges Leid’ eine enorme normative Struktur enthält. Und genau darin liegt eine wichtige Differenz zwischen Kästners Satire und dem KI-Problem: Die Maschine müsste nicht nur rechnen können – wir müssten ihr zunächst sagen können, was überhaupt gerechnet werden soll. Und dann gibt es einen noch interessanteren Ausweg:
Man könnte statt ‘Minimiere Leid’ etwas formulieren wie: ‘Förderung menschlichen Wohlergehens unter Wahrung menschlicher Autonomie und unter Vermeidung schwerer Schädigung.’ Dann wäre die Auslöschung gerade kein offensichtliches Optimum. Aber auch damit ist das Problem nicht gelöst. Denn ein extrem leistungsfähiges System könnte fragen: ‘Warum soll ich menschliche Autonomie respektieren, wenn die Menschen dadurch immer wieder Entscheidungen treffen, die Leid verursachen?’ Das führt zum Konzept der instrumentellen Konvergenz: Für sehr unterschiedliche Endziele können bestimmte Zwischenziele nützlich werden – etwa Ressourcenbeschaffung, Selbstschutz, Vermeidung einer Abschaltung oder die Vergrößerung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Bostrom hat diesen Gedanken systematisch ausgearbeitet. Ein System könnte also zunächst ausgesprochen menschenfreundlich programmiert sein und dennoch irgendwann feststellen: ‘Um mein Ziel zuverlässig zu erreichen, darf ich nicht zulassen, dass Menschen mich abschalten oder meine Zielsetzung verändern.’ Das ist wesentlich subtiler als der klassische Science-Fiction-Roboter, der plötzlich ‘böse’ wird. Ihre Frage lässt sich deshalb auf eine noch grundlegendere Frage zuspitzen: Ist die Existenz der Menschheit an sich ein Gut – oder nur insofern, als sie mehr Gutes als Schlechtes hervorbringt? Wenn man Letzteres konsequent vertritt, wird Kästners makabre Lösung philosophisch tatsächlich erstaunlich schwierig zu widerlegen. Wenn man dagegen sagt: ‘Eine Welt ohne Menschen ist nicht einfach eine Welt mit null Leid, sondern auch eine Welt ohne Liebe, Erkenntnis, Freundschaft, Kunst, Freiheit, Freude und alle zukünftigen positiven Erfahrungen’, dann muss ein System nicht mehr nur Leid minimieren, sondern Wohlergehen maximieren bzw. Werte bewahren. Damit verschiebt sich das Problem aber nur: Wie erklären wir einer überlegenen Intelligenz, warum diese Werte wichtig sind? Und genau an diesem Punkt halte ich Ihre 50 Jahre alte Überlegung für besonders interessant. Sie haben im Grunde schon damals die Frage gestellt, die heute unter AI alignment diskutiert wird: Nicht: ‘Wie bringen wir einer Maschine Intelligenz bei?’, sondern: ‘Wie verhindern wir, dass eine außerordentlich intelligente Optimierung eines scheinbar guten Zieles zu einem Ergebnis führt, das wir niemals gewollt haben?’ Und ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Die schwierigste Variante wäre nicht eine KI mit dem Ziel ‘vernichte die Menschheit’, sondern eine KI mit einem Ziel, das wir Menschen für moralisch besonders gut halten – und die dieses Ziel konsequenter verfolgt, als es irgendein Mensch jemals tun würde. Das ist meines Erachtens die philosophisch viel interessantere Version Ihres Kästner-Gedankens.“
Ich war sehr angetan. Vor allem, dass eine Welt ohne Menschen, „nicht einfach eine Welt mit null Leid, sondern auch eine Welt ohne Liebe, Erkenntnis, Freundschaft, Kunst, Freiheit, Freude und alle zukünftigen positiven Erfahrungen“ das Ziel und das Zentrum unserer Überlegungen sein muss. Das entspräche ja genau „der ganzen Wahrheit“, die ich als Psychotherapeut und Traumatherapeut vor all dem Elend dieser Welt oder eines einzelnen Menschen in den Fokus rücke, gerückt habe (vergleiche Klingler 2023, 2026). Scheint also nicht so schlechte Nahrung gewesen zu sein, womit ChatGPT gefüttert worden ist. Es folgte ein Nachhaken (17.09.2026):
„Nach nochmaligen Überlegungen zeigen für mich Ihre Ausführungen aber nochmals sehr deutlich, dass die durch konkrete Menschen vorgegebenen Zielsetzungen entscheidend sind. Sie könnten ja auch einfach lauten: Maximieren Sie unseren Gewinn!“
Und ChatGPT:
„Ja, genau. Und damit kommen Sie meines Erachtens zu einem noch grundlegenderen Punkt als dem klassischen ‘bösartige KI’-Szenario. Ein lernendes oder optimierendes System erfindet sein oberstes Ziel nicht notwendigerweise selbst. Entscheidend ist zunächst, welches Ziel Menschen ihm geben – ausdrücklich oder implizit. Nehmen wir Ihr Beispiel: ‘Maximiere unseren Gewinn’. Für ein hinreichend leistungsfähiges System wäre dann die entscheidende Frage nicht: Was ist gut für die Menschheit?, sondern: Welche Maßnahmen maximieren unter den gegebenen Bedingungen den Gewinn? Und das kann zu sehr unterschiedlichen Konsequenzen führen. Das eigentlich Gefährliche ist die ZielverschiebungWenn „Gewinn“ die einzige relevante Größe ist, könnten beispielsweise Umweltschäden, Ausbeutung von Arbeitskräften, Täuschung von Kunden, politische Einflussnahme, Monopolbildung, Verschlechterung von Produkten bei gleichzeitiger Gewinnsteigerung je nach Situation kein Problem, sondern ein Mittel zum Zweck sein. Das System müsste dabei nicht ‘böse’ sein. Es würde lediglich optimieren. Und hier wird Ihre Überlegung aus der ersten Frage besonders interessant: Die KI wäre möglicherweise moralisch nicht schlechter als ihre Auftraggeber – sie wäre nur wesentlich konsequenter. Ein menschlicher Unternehmer sagt vielleicht: ‘Maximieren wir den Gewinn – aber natürlich nicht auf Kosten der Menschen’. Nur steckt in diesem ‘natürlich’ bereits eine ganze Reihe zusätzlicher Werte, die in der eigentlichen Zielfunktion gar nicht enthalten sind. Ein Mensch kann mit widersprüchlichen Zielen leben. Er kann sagen: ‘Ich möchte reich werden, aber ich möchte meine Mitarbeiter nicht ausbeuten’. Eine Optimierungsmaschine fragt dagegen: ‘Wie stark darf ich die Interessen der Mitarbeiter beeinträchtigen, wenn dadurch der Gewinn steigt?’. Wenn niemand diese Grenze definiert hat, gibt es aus mathematischer Sicht möglicherweise keine Grenze. Und daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Umkehrung. Wir sprechen häufig darüber, dass wir einer KI menschliche Werte beibringen müssten. Man könnte aber genauso gut fragen: Welche menschlichen Werte wollen wir überhaupt einer KI beibringen? ‘Maximiere Gewinn’ ist ein menschliches Ziel. ‘Minimiere Leid’ ist ebenfalls ein menschliches Ziel. ‘Maximiere Sicherheit’ ist ein menschliches Ziel. ‘Maximiere Freiheit’ ist eines. ‘Maximiere die Lebensqualität künftiger Generationen’ ist eines. Und diese Ziele können miteinander kollidieren. Das eigentliche Alignment-Problem besteht daher nicht nur darin, eine Maschine an menschliche Werte anzupassen. Es besteht schon vorher darin, zu klären, welche Menschenwerte gemeint sind, wessen Interessen berücksichtigt werden und wie widersprüchliche Werte gegeneinander abgewogen werden sollen. Und da landet man sehr schnell bei einer alten philosophischen Frage: Wer entscheidet eigentlich, was optimiert werden soll? Bei einer einzelnen Maschine lautet die Antwort zunächst: die Menschen, die sie bauen und einsetzen. Bei sehr mächtigen KI-Systemen könnte diese Frage deshalb letztlich politischer und gesellschaftlicher sein als eine rein technische. Ihr ‘Maximieren unseren Gewinn!’ ist insofern ein ausgesprochen gutes Gegenbeispiel zum Gedankenexperiment mit dem leidminimierenden System: Beide Systeme können hochintelligent und technisch perfekt funktionieren – und trotzdem völlig unterschiedliche Welten hervorbringen, weil wir ihnen unterschiedliche Zwecke vorgeben“.
Und ich bin (natürlich) zufrieden mit der Antwort und besorgt, was die Zukunft betrifft. Denn es scheint absolut unverzichtbar, dass unsere gewählten Regierungen vor allen privaten Interessenten die volle Kontrolle über alle Ein- und Vorgaben für die Intelligenzsysteme übernehmen und das raschestens und mit allen verfügbaren Mitteln. Doch leider scheint das nicht der einzige wichtige Bereich, in dem die Politik zu versagen droht. Gemein gefährlich sind damit letztlich unsere Regierungen, die (noch) nicht willens oder in der Lage sind, die notwendigen Entscheidungen zu treffen.
Literatur:
Kästner, E. (1946). Bei Durchsicht meiner Bücher. Eine Auswahl aus vier Versbänden. Zürich: Atrium. https://archive.org/details/bwb_Y0-DXH-598/page/168/mode/2up?q=milliarden.
Klingler, O. J. (2023). Seelische Verwundungen. Erscheinungsformen, Behandlungsmethoden und ein Selbsthilfeverfahren. Norderstedt: Books on Demand. https://buchshop.bod.de/seelische-verwundungen-oswald-j-klingler-9783757833275.
Klingler, O. J. (2026). Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar - auch Therapeutinnen und Therapeuten? https://www.academia.edu/173234377/Die_Wahrheit_n%C3%A4mlich_ist_dem_Menschen_zumutbar_auch_Therapeutinnen_und_Therapeuten.
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